Quality Magazin - Die Herrschaft des Jetzt
Die Herrschaft des Jetzt
Wir sind permanent online, jeder ist ein Sender. Der Direktor des Deutschen Digital Instituts liefert eine launige Analyse, wie die modernen Kommunikationsformen unser Leben bestimmen
von Jo Groebel
Als sich kürzlich der King of Pop in die ewige Neverland-Ranch verabschiedete, zelebrierten alle verfügbaren Medien weltweit das totale Jetzt. Kaum war der Heimgang Michael Jacksons ruchbar, vermeldeten News-Kanäle, Internetportale und Facebook-Headlines in immer aufgeregteren Abständen Aspekte des angeblichen Todesfalls, indem sie sich allesamt gegenseitig zitierten. Und so sollte es tagelang weitergehen. Die amerikanische Cartoonistin „Fourteen“ brachte den Irrsinn auf den Punkt, indem sie Anchorman Anderson Cooper von CNN in einer Karikatur abbildete und in die hektische Newsbordüre am unteren Bildschirmrand, in der nervöse Redakteure die gerade vorgetragenen Nachrichten an Aktualität zu übertrumpfen trachteten, den wunderbar entlarvenden Satz schrieb: „Breaking News: Michael Jackson still dead.“
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Schon in den Neunzigerjahren beklagte der französische Philosoph Paul Virilio, der von Jacksons Heimgang freilich nichts wusste, viel wusste, den „Rasenden Stillstand“. Ein faszinierender Gedanke: Salopp formuliert kommt die Gesellschaft durch immer größere Hetze gar nicht mehr von der Stelle. Durch den Zwang, über die moderne Telekommunikation simultan überall präsent zu sein, fällt man schließlich in ein gesellschaftliches Koma. Schallende Klingeltöne, Blackberry-Neurosen, sozialer Netzwerkdruck, auf alles scheinen wir augenblicklich reagieren zu müssen. Nichts geht dann mehr. Die Welt kann schlicht nicht weiter verarbeitet werden.
Wie bei vielen Denkern westlich des Rheins folgte allerdings der originellen und sofort einleuchtenden Idee Virilios keine selbstdistanzierte Überprüfung der Fakten. Und so blieb es bei der Beschwörung eines historischen Endzustands, den man auch schon nach Einführung des Buchdrucks, des Automobils, des Fernsehens, des Computers ähnlich nachlesen konnte. Dabei ist Beschleunigung erst mal hilfreich. Wie gut, dass ein Krankenwagen den Notleidenden schnell erreicht, ein komplexes Problem sofort per Internet gelöst werden kann. Schauen wir also auf das schnelle Heute, das digitale Sein im Besonderen. Schauen wir, was sich neben dem Schon-Immer der seit Jahrhunderten beschworenen, und auch von klugen Soziologen wie Hartmut Rosa bedauerten, Beschleunigungswelt tatsächlich so alles getan haben könnte. Durch Web, Games, Kommunikationswettkämpfe, Informationsfluten. Mal ehrlich, Sie lesen gerade einen auf Papier gedruckten Text. Das ist löblich, doch vielleicht haben Sie ja den Impuls, direkt auf diesen Text zu reagieren. Hätten Sie im Web auch machen können. Aus der stillen Reflektion bei traditioneller Lektüre, immerhin mit schönen Bildern, Haptik, gutem Gefühl, wurde die feuchtertraumistwahrgewordene Interaktivität des 21. Jahrhunderts. Zumindest potenziell.
Und so ist heute fast alles sofort möglich. Weit mehr noch als wir uns in den kühnsten Träumen der Neunziger phantasiert hatten. Information, Reaktion, Kommunikation, Transaktion. Naja, fast alles. Ich will jetzt was kaufen. Ich kann jetzt was kaufen. Frag Amazon. Ich will jetzt was wissen. Ich kann jetzt was wissen. Frag Google. Ich will jetzt plaudern. Ich kann jetzt plaudern. Frag Facebook. Die „Jetzt-Gesellschaft“ ist Realität. Charmant ist obendrein, dass der Begriff „Jetzt-Gesellschaft“ auch eine zweite Bedeutung hat. Als Ausruf und Wunsch. Ich will Gesellschaft. Jetzt! Community und Social Media bieten’s mir.
Durch die Gleichzeitigkeit von Geschehnissen und überall vorhandenen Digitalkameras hat sich die Bewertung und Verarbeitung von Neuigkeiten grundlegend verändert.
Der Kölner kennt den Spruch „Man kann nischt beides haben: Verspreschen und Halten.“ Das ist im Jetzt-Zeitalter auch nicht mehr nötig. Denn Planen (oder Versprechen) und Handeln fließen im digitalen Netz zusammen. Ebenso ein Ereignis und die Reaktion darauf. Der heute als „Peanuts“ wahrgenommene Börsencrash von 1987 war der Computersynchronität von Fakt- und Responketten mitentsprungen. Ein Wert x war unterschritten worden, dies führte zeitgleich zum automatisierten Massenverkauf. Bis jemand gerade noch, fast wörtlich, den Stecker zog. In der heutigen Finanzkrise gibt’s leider keine Stecker mehr.
Das Jetzt, also die Gleichzeitigkeit von Ereignis und Reaktion, lässt sich eklatant an der Medienberichterstattung festmachen. Schon seit fünfzig Jahren, seit TV-Satelliten senden, sind wir gewohnt, bewegte Bilder zeitsynchron ins Haus zu kriegen. Immerhin war das früher so wenig selbstverständlich, dass stolz eine Fanfare die „Eurovision“-Ausstrahlung verkündete. Ein ganzes Genre, der „Grand Prix“ des europäischen Schlagers, ist eng damit verknüpft, verdankt seinen Kult nicht zuletzt dem grenzüberschreitenden Live-Erlebnis. Grandios entfaltete es sich erst recht bei Weltenrührung wie der Mondlandung 1969, der „Live-Aid“-Konzerte 1985 und 2005. Aber auch beim Grauen des 11. September oder den auf US-Prime-Time abgestimmten Auftakten der Irak-Angriffe warteten allerorten Live-Reporter mit den Zuschauern auf das Bombardement von Bagdad, das pünktlich zur vollen Stunde vor den Live-Kameras begann. Stand es nicht gar in den Programmzeitschriften? „24.00: Angriff USA auf Bagdad, ARD.“ Was für ein Unterschied zu Vietnam, als sich heldenhafte Reporter mit Analogkameras von der Front zum Stützpunkt durchschlugen, Filme entwickelten und versandten, die manchmal Tage später erst den Zuschauer erreichten. Noch gibt’s die fundierte Berichterstattung alter Schule in Wochenmagazinen wie Spiegel, Stern und Co., doch mit Handycam, Minisatellit, Mobiltelefon, Laptop-Stick und Leserreportern ist auch dies fast anachronistisch. Reflektion, das Kulturgut Bild sind uns kein Warten mehr wert.
Nachrichten, Informationen aber müssen uns „jetzt“ zugehen. Sonst sind wir zutiefst unzufrieden, erleben das Missvergnügen des Nicht-Dabeiseins. Twitter machte auch deshalb Furore, weil seine Ereignissynchronität zugleich Authentizität signalisierte. Angefangen bei Millionen von Zustandsbelanglosigkeiten wie aus der Frühzeit von SMS: „Steige in den ICE“, „Trinke Kaffee“ bis zu den Zufallshits der „Flugzeuglandung auf Hudson“ oder „Polizeisirenen in Winnenden“. Das ist vielleicht wirklich schneller oder echter, aber nicht mehr. Und doch eine fundamentale Veränderung und potenzielle Machtverschiebung. Beschleunigung bis zur Synchronität.![]()
Die technischen Möglichkeiten haben die Gesellschaft auch bei den Medien demokratisiert. Jeder kann Sender werden. Aufgenommen mit dem Mobiltelefon, verbreitet sich jeder Eindruck über das Web, YouTube ist ein Beispiel. Dabei kehrt die Synchronität Kausalketten weiter um und beschleunigt sie. Früher galt die Reihenfolge: Erst Ereignis, dann Report. Heute ist das konsequenter denn je: Weil’s berichtet werden kann, gibt’s ein Ereignis. Jetzt. Geschehnisse entstehen durch deren Erfassung, medial. Vorstellung, Wahrnehmung und Handeln waren immer verknüpft. Nur heute schneller. Eine ganze Branche lebt von der Ereignisschaffung WEGEN der Berichte. Sie, lieber Leser, vielleicht Kommunikationsberater, PR-Experte und Medienmacher, haben es fast zur Perfektion entwickelt. Im Web so richtig raffiniert durch Viralaktionen. Raffiniert im Guten wie im Schlechten. Schlecht bei täuschender Manipulation. Witzig als Guerilla-Marketing. Unvergessen die Aktion für Amsterdamer Billighotels mit Billigbudgets. Es reichten ein paar Hundehaufen an Grachtenstraßen mit Logofähnchen drauf. Weltweit wurde berichtet. Harmlos hier, aber gar nicht mehr bei Terror-PR.
Vielleicht meinte Karlheinz Stockhausen das, als er vom 11. September als „Kunstwerk“ sprach und wegen seiner verquasten Sprache missverstanden wurde: Ein wahrhaft teuflischer Geniestreich des Abzielens auf Symbolkraft, Systemverletzlichkeit und Mediensynchronität war dieser Terroranschlag. Die Berichterstattung war schon da, als das zweite Flugzeug einschlug. Ja, selbst beim ersten bereits gewesen, da heute der Mensch fast die Kamera selbst ist. Hier zeigt sich auch ein weiteres Verschwinden durch das Jetzt. Das zwischen Einzelnem und Gesellschaft. Zwischen Privatem und Öffentlichem. Möglich durch fließende Übergänge an der Grenze von professioneller und amateurhafter Kommunikation. Wenn der Profi schon da ist, folgt man ihm. Wenn nicht, wie beim nicht inszenierten, plötzlichen Weltgeschehen fast immer der Fall, promoviert der „Laie“ zum Dreh- und Angelpunkt der Kommunikation. Auch er hat seine Lektion gelernt. Technisch sowieso. Inhaltlich durch jahrzehntelange Passivübung mit TV und PC. Die Macht liegt jetzt beim Nutzer. Das alte Massenkommunikationsmodell signalisierte noch ein „wenige an viele“. Heute sind es im Extrem „viele an wenige“. Das alte Modell ließ Besorgte bis heute nach dem Schutz der Konsumenten vor Unternehmen und Marketeers rufen. Im neuen Modell müssen wir die Unternehmen und Marketeers vor den Verbrauchern schützen. Im Jetzt verbreitet sich über das soziale Netz jede Bewertung, jede Nutzerrezension. Da läuft werberisches Schönfärben vollends ins Leere, ist allerdings im Realfall des tatsächlich Guten auch nicht gefeit gegen umgekehrte Manipulation und Böswillen.
Die Gefühlsexpression, die Momentstimmung, das Funken ins Blaue hinein sind wichtiger geworden als das Empfangen von Geprüft-Relevantem. Ein Facebook-Status wird häufiger aktiviert als eine Reaktion auf den der anderen. Weil ich mich sofort äußern kann. Zutiefst demokratisch das neue Senden. Prominenz wird zur Sichtbarkeit eines jeden. Beklagt wird dabei die Kakophonie des Banalen. Doch auch die gab’s in der persönlichen Gesprächskultur schon immer. Klatsch, Tratsch, Minimalbekundungen. Jetzt ist es halt nur öffentlich und wir entdecken es. Selbst Briefe, die ihre Zeit zwischen Senden und Empfang brauchten, waren keine selbstverständlichen Prosastreiche. Höchstens im Nachhinein verklärt. Besonders, wenn sie in Schönschrift erschienen. Da ist eine SMS, ein Chatreport keinen Deut schlechter. Und leichter lesbar allemal.
Wir beschreiben die Zukunft fast immer als Verlängerung und Steigerung der Gegenwart. Das gilt auch für die Kommunikationsgesellschaft. Häufig mit dem erwähnten Pessimismus-Unterton. Der berühmte Philosoph Jürgen von Manger, zu Unrecht tot, hat es in den achtziger Jahren als Pottweisheit beklagt: „De Zukunft is auch nich mehr, wat se mal war.“ Ein anderer Kluger, Hermann Kahn, hatte im Aufbruch der Sechziger die Wissenschaft derselben, die Futurologie begründet und auch eine der Beschleunigung - nur der räumlichen. Schon im Jahr 2000 hätten wir seinen Vorstellungen nach unseren „PH“, unseren persönlichen Helikopter genutzt, hätten in Unterwasserstädten gelebt, vor allem fast synchron die Distanz Köln–Berlin überwunden. Beam me up, Hermann. Diese Szenarien sind nachvollziehbar, denn wir entwerfen Entwicklungen zwangsläufig immer mit dem heutigen Denkrepertoire und seinen Begriffen. In den Sechzigern von Autos und Mobilität, in den Neunzigern von PC und Internet. Das, als ARPANET begründet, übrigens genau vierzig Jahre existiert. Von wegen schnell.
Und jetzt? Sind wir aber doch weiter als in kühnsten Träumen vor fünfzehn Jahren erdacht. Durchaus auch anders weiter. Kurzfristige Entwicklungen und Schnelligkeiten, das zeigt die Technologiegeschichte, werden nämlich überschätzt. Siehe Internetblase und Co. Langfristige Entwicklungen werden unterschätzt. Und sind nie über Zufallstreffer hinaus wirklich vorhersagbar. Schauen Sie mal alle Prognosemodelle der letzten zehn Jahre an. Ein paar treffen immer zu, klar. Nur welche? Selten wird die Fifty-Fifty-Wahrscheinlichkeit von Kommt/Kommt nicht übertroffen. Abgesehen von den sich ändernden Paradigmen, also vorherrschenden Denkkategorien. Was uns nach Mobilität, Kommunikation, Biodingsbums und so weiter in zwanzig Jahren umtreibt, wissen wir schlicht nicht.
Und trotzdem gibt es Vorhersagbares: nämlich uns. Denn der Mensch ist im Kleinen sehr anpassungsfähig, auch beschleunigbar. Im Großen dagegen verblüffend „träge“. Sehr klug von der Evolution, wäre doch ein Dauerändern archaischer Prinzipien viel zu riskant. Wer weiß, ob in hundert Jahren noch SMS verschickt werden. Hätten wir ganz schnell den Handydaumen als biologische Anpassung entwickelt, er wäre dann wieder überflüssig. Zu blöd nur, dass uns diese Langfristigkeit von Verhalten immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Beziehungen sind das beste Beispiel. Auch modernste Möglichkeiten der Technologie, avancierteste Kommunikationstrainings verhindern nicht, dass Männer immer noch steinzeitliches Brusttrommeln aufführen, (manche?) Frauen das immer noch begeistert. Oder sie so tun als ob.
Zwischen Beschleunigung, technologisch, und Evolution, menschlich, öffnet sich also eine Schere. Oder besser: Beide stehen im Wechselspiel. Wir machen uns die Welt. Wir passen uns ihr an, aber auch sie uns.
Die Technologie wirkt auf allen Menschenebenen. Der Einzelne nutzt das Gerät, den iPod, das Netbook, den iReader. In der Gruppe verbinden sich die Einzelnutzungen zu einem Kollektivsystem. Die Summe dessen verändert wieder die Gesellschaft zur bald schon dominanten Digitalkultur.
Das soziale Netz, die Social Media sind das beste Beispiel für die Wechselwirkung. Neu ist die Möglichkeit der Synchronkommunikation mit vielen. Alt ist das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Alt ist spätestens seit der Aufklärung das Bedürfnis nach Information. Neu ist die Verfügbarkeit jedweder solcher im Augenblick des Wunsches. Sei es durch Wikipedia, sei es durch Nachfrage bei den Web-„Freunden“. Mit und ohne Anführungszeichen. Wir haben dabei festgestellt, in etlichen Studien belegt, dass die Community den meisten heute glaubwürdiger erscheint als herkömmliche Informationsquellen. Denen begegnet man oft mit Misstrauen ob vermeintlicher Eigeninteressen. Selbst bei Journalisten stimmt das ja manchmal. Von PR-Leuten und ihren hehren Wahrheitszielen manchmal ganz zu schweigen. Dem Buddy aus dem Netz dagegen schreibt man soziale Nähe und Ehrlichkeit zu. Authentizität als direkt Erlebendem erst recht.
Was schnell entsteht, ist das Aufklärungsparadoxon. Welch ein Wort! Will heißen, auch schon im TV-Zeitalter befürchtet, dass dem Mehr an Information, der Infoflut, potenziell ein immerweniger an Informiertsein gegenübersteht. Denn angeblich durchblicken wir das Überwältigungsangebot nicht mehr. Und weichen wiederum angeblich stattdessen auf willkürliche Gefühlsreize aus, die lauteste Schlagzeile, das beste Bild, die eingängigste Idee. Als ob dem Leser einer Enzyklopädie im 19. Jahrhundert, dem Besucher einer mittelalterlichen Bibliothek nicht genauso schwummerig geworden wäre. Nein, nicht die Informationsmenge ist die Herausforderung. Vielmehr ihre soziale Sortierung. Journalisten, Lehrer, Professoren, Bibliothekare, selbst Werber waren und sind immer noch Glaubwürdigkeitsinstanzen der Gesellschaft. Unter Druck geraten allerdings durch das auch hier digital möglich gewordene Demokratisierungsprinzip. Wahrheit kommt zwar nicht durch das Votum möglichst vieler zustande, faszinierend ist der Gedanke aber doch. Und im Web auch schneller zu erreichen. Ganz schnell aber werden wir merken, wenn etwas Bluff, wenn etwas substanziell ist. Klar ist die Neusortierung der Glaubwürdigkeit riskant. Riskanter aber noch war schon immer das unhinterfragte Akzeptieren etablierter Autoritäten.
Auch wenn die Prognose schwierig, gar unseriös ist: Aus der Verbindung zwischen den beschriebenen technischen Entwicklungen und den grundlegenden menschlichen Verhaltensmustern lassen sich einige Zukunftsentwürfe formulieren. Hier sechs an der Zahl.
Sie adressieren die Beziehung zwischen der digitalen Beschleunigung und dem Einzelnen, der Gruppe und der Gesellschaft insgesamt. Und seien jeweils mit einem Postulat versehen für die Gesellschaft der Zukunft.
1. Identität. Auch in der digitalen Welt hatten wir schon immer mehrere Hüte auf. Waren je nach Gruppe vor allem Mann/Frau, jung/alt, Deutscher/Europäer oder was unsere Existenz jeweils definierte. Nicht nur im Cyberspace ist die Identität frei wählbar geworden. Auch wenn wir biologisch und kulturell immer noch stark geprägt sind. Im Web, egal ob Community, Blog oder Infoplattform, dürfen wir spontan das, der, die sein, was, wer, wie wir sein wollen. Und können das so Eingeübte auch in der Realität weiterführen. Persönlichkeit wird mit all ihren Eigenschaften spontan bestimmbar. Das Momentbedürfnis wird zur entscheidenden Determinante des Seins. Umso mehr gilt es, langfristige Verbindlichkeit zu anderen und zu uns selbst zu bauen. Als Ankerpunkt für das Weiterleben.
2. Gefühl und Stimmung. Die digitalen Medien haben uns 24 Stunden und allerorts besetzt. Wir müssen nicht mehr hin zu Ablenkung und Anregung, finden sie nicht erst zu Hause, im Kino, im Konzert. Beweglich und verkleinert, mit Riesenkapazität kommen sie zu uns, sind fast ein Teil des Körpers geworden. Stimmungsmanagement ist die zentrale Funktion moderner Kommunikationstechnik. Und wir selbst sind die Topmanager unseres Gefühls. Besonders wo das Gefühl vom Privaten zum Öffentlichen wird. Nie zuvor wurde wie jetzt - bei Facebook, Twitter, SMS - jedwede Regung sofort mit beliebig vielen anderen geteilt. Was Britney Spears recht ist, darf nun jedem anderen billig sein. Jede Emotionsnuance hat eine übergroße Bedeutung. Da es aber so viel davon gibt, wird der Wettkampf um Beachtung und Aufmerksamkeit immer größer, die Reizintensität der Medien nimmt zu: schneller, lauter, greller, dramatischer. Kultur und Umgang sollten dem das Zulassen der Gefühlsnuance gegenüberstellen. Das kann man (wieder) lernen. Auch digital.
3. Worte, Etiketten. Wo es um Aufmerksamkeit geht, treten auch die Begriffe in den Medienwettkampf ein. Was nicht sofort auffällt, ist schon weg. Das Kleintalent heißt daher Superstar, die schlanke Schöne mit ’nem Gang gleich Supermodel. Nur gehen dann die Worte aus, weil für das Subtile, für das wirklich Große nichts mehr übrig bleibt. Ganz einfach: Lest, entdeckt und nutzt auch mit Kindle die grandiose Literatur!
4. Beziehungen. Ist es nicht wunderbar, der Partner, die Partnerin wie aus dem Supermarkt oder dem Baukasten. Maßgeschneidert, perfekt gebaut. Parship und andere Digitalplattformen machen es möglich. Unterstützt von immer ausgefeilteren Softwarelösungen. Sie bringen bis ins Detail den richtigen Match. Und die Romantik? Kommt dann von selbst? Und doch: Ich setze dagegen die Liebe als Geheimnis, den anderen als ein Ganzes. Nicht als Nützlichkeitskombination. So plausibel das fast merkantile Zusammenfügen passender Eigenschaften auch sein mag. Der Zufall schreibt die noch schönere Geschichte. Und funktioniert auch im Netz.![]()
5. Gemeinschaft. Netzwerke sind nützlich, das ist eine Binsenweisheit. Digitalnetzwerke sind spontan und immer da. Nur, Loyalitäten schaffen sie nicht. Jederzeit kann man sich ausblenden, wird nicht unbedingt vermisst. Auch hier dominiert das Jetzt gegenüber dem Immer. Die Kunst besteht in der stetigen Wechselwirkung beider, der Zugehörigkeit zu fühlbaren Gruppen einerseits, der spontanen Nutzung sozialer Medien andererseits. Dem Skeptiker sei es gesagt: Schon längst regen die Facebook-Einladungen „echte“ Begegnungen an, werden diese zeit- und raumübergreifend digital fortgesetzt. Allerdings brauchen wir neben dem sich spontan Ergebenden noch bessere Verhaltenscodes für das Miteinander. Achtung der Privatsphäre des anderen, Ächtung von Zudringlichkeit und sozialem Exzess.
6. Die digitale Gesellschaft. Insgesamt haben uns Computer und webbasierte Kommunikation schon längst verändert. Doch Politik, Kultur und Wirtschaft sind noch seltsam unentschlossen in der digitalen Vision. Japan entwarf schon vor Jahren das Programm „Ubiquitous Society 2020“, die ständige Präsenz der digitalen Möglichkeiten zum Besseren der Gesellschaft. Geplant als vollendete Gesundheitsprävention durch Sofortinformation und virtuelle Selbsthilfegruppen bis 2020. Bildung durch maßgeschneiderte Lernangebote im Netz, laut Plan perfektioniert bis zum gleichen Jahr. Wirtschaftliche Prosperität durch konzertierte Strategien aller Akteure, Politik, Unternehmen, Bürger. Auch wenn die Bankenkrise alle lähmt, in unseren Breitengraden müsste eine Regierung, ein Minister enthusiastisch voranschreiten. Die digitale Vision kostet fast nichts. Und ist doch real. Und kommt von der Basis. Welche Chance für den jungen Politiker mit Elan! Der 2009 gewählte Bundestag möge ihn oder sie hervorbringen.
Die digitalen Medien sortieren die Gesellschaft neu. Zu einer auch sozialen Freiheit. Um den Preis der guten alten Übersichtlichkeit. Als das Jetzt noch vom Immer bestimmt war, nicht vom Moment. Einmal entstandene Eigenschaften auch Vorlieben und Verhaltensmuster bestimmten. Wir waren also, es wurde gesagt, Professoren, Werber, Arbeiter. Lauschten Brahms, Pet Shop Boys, Roland Kaiser. Auch weil wir es mochten. Aber mindestens so sehr als Ausweis des Dazugehörens. Vorbei. Auch ältere Akademiker mögen Death Metal, aus vollem Herzen, nicht mehr weil es irgendwas beschwört. Und Wagner findet sich auch beim Handanschaffer. Selbst Markenmacher dürfen frei sein. Denn Demografien sagen weniger über die Gesellschaft aus als je zuvor. Heute finden wir uns freudig nach Stimmung zusammen. Wir kaufen spontan, was uns gefällt. Entdecken wieder, was Jahrzehnte verschollen war. Aus dem Impuls heraus, durch die Möglichkeit der digitalen Situation. Amazon hat es vorgemacht, ungleich präziser ist eine Typologie, die sich am tatsächlichen Verhalten orientiert, nicht am genetischen und kulturellen Geworfensein. Und sie spiegelt viel mehr Freiheit wider. Weil der An-und-für-sich-Druck einer Gruppe wegfällt, zugunsten des Ich-will.
So entsteht also die Jetzt-Gesellschaft. Das Jederzeit-und-Alles sei beliebig? Blödsinn! Der soziale Zwang ist weitgehend verschwunden. Ersetzt worden durch die spontane Freiheit. Auch als Herausforderung an Loyalität, Verbindlichkeit, Verantwortung. Doch die sind uns auch freiwillig zu eigen. Machen wir also aus dem Rohmaterial neuer Optionen kreativ eine gute, neue Welt! Im Jetzt. Und morgen. Denn so frei im Wahrnehmen, Fühlen, Handeln, Sein und Zusammensein waren wir noch nie. Nur bauen müssen wir mit all dieser Freiheit, mit all den Digitaloptionen die Zukunft selbst. Nicht Technik ist der Herr, nicht mal das Welt-Web mit Freunden, Ablenkung, Endlosreizen. All diese unterstützen uns. Wenn wir nur wollen und nach vorne schauen. Und stetig bauen.